Inhalt:Eine auswärtige Lady (Erna Morena) wird bei einer Bank vorstellig: Sie legt den Wechsel eines italienischen Kreditinstituts vor, um gegen diesen 10.000 Mark abzuheben. Mit den Penunzen will sie ein Bild bezahlen, das ihr Sohn (Hans Heinrich v. Twardowski) bei einem Trödler (Hugo Döblin) aufgestöbert hat. Der Bankdirektor (Eberhard Wrede) jedoch weigert sich, den Wechsel zu akzeptieren und schmeißt die Gutste raus. Während der Geschäftsabwicklung hat sich der Bankkassierer (Ernst Deutsch) jedoch in die Dame verliebt: Er plündert die Kasse und sucht die Lady in ihrem Hotel auf, in der Hoffnung, mit ihr durchbrennen zu können. Das einzige jedoch, was durchbrennt, sind spätestens jetzt die Sicherungen des Kassierers. Als ihm die Angebetete einen brüsken Korb gibt, beschließt er, auf andere Weise aus seinem bürgerlichen Leben auszubrechen: Er bricht mit seiner Familie – Eheweib (Lotte Stein), Tochter (Roma Bahn) und Mutter (Frida Richard) – und versucht, mithilfe des gestohlenen Zasters sein Glück zu finden. Inzwischen ist auch schon die Polizei alarmiert und hat 5000 Mark auf Ergreifung des Kassierers ausgesetzt, der sich mit verzweifelter Verve in die Vergnügungen des Nachtlebens stürzt. Am Ende steht wieder die alte Erkenntnis, dass sich Glück mit Geld allein nicht zwingen lässt. Eine Erkenntnis, die leider nur der Hauptperson vergönnt ist, während die Massen weiter dem Mammon hinterher laufen.
| Zitate:„Ich will Leidenschaft für mein Geld!“
„Mit keinem Geld der Welt kann man sich irgendwas von Wert kaufen.“
| Die Kritik des Gunslingers:Als nach Ende des Ersten Weltkriegs die deutsche Filmindustrie förmlich explodierte, stand man unter anderem vor dem Problem, jede Menge Ideen zu haben, aber halt kein Geld. Mit komplett im Studio gedrehten Streifen löste man sich aus der Budget-Klemme und wurde dem gerade auch im Film richtig hip gewordenen Expressionismus gerecht: Häufig nur gemalte Kulissen und Ausstattung machten die Gefühlswelten der grotesk agierenden Protagonisten durch verzerrte Perspektiven und die „natürlicher“ Wahrnehmung entrissenen Größenverhältnisse der Gegenstände sichtbar. Ein erster Publikumserfolg des expressionistischen Films war 1919 „Das Cabinett des Dr. Caligari“. Diesem bis heute wohl bekanntesten Vertreter folgten bis Mitte der Zwanziger Jahre noch zahlreiche Nachfolger, die allerdings häufig nur noch expressionistische Elemente aufgriffen. Vorliegender Streifen jedoch ist Expressionismus pur: Nicht nur die Kulissen sind gemalt, auch die Kleidung der Schauspieler ist mit Lichteffekten bepinselt, in den Gesichtern wurden die Schatten, etwa aufgrund von Falten, überdeutlich ausgearbeitet. Wie generell im deutschen Film, spielt auch hier das Licht als Gestaltungselement eine tragende Rolle, in dem es einzelne Gegenstände und Personen hell heraushebt, während der Rest des Settings in Schwärze versinkt. Der Streifen beschreibt chronologisch den Ausbruchsversuch und letzten Tag seiner Hauptperson, baut zu Beginn einige Rückblenden ein, erzählt auch Parallelereignisse, wie beispielsweise die Suche der Polizei nach dem Flüchtigen. So ist er mehr als nur abgefilmtes Theater: „Von morgens …“ entstand nach einem expressionistischen Theaterstück und macht nicht nur hierdurch die enge Verzahnung von Bühne und Film zu der Zeit deutlich. Hier kannten sich beispielsweise die meisten Beteiligten durch ihre aktuelle oder vergangene Tätigkeit am Deutschen Theater in Berlin. Zudem spricht man ja immer wieder vom enormen Einfluss, den dessen Intendant, Max Reinhardt, durch den Stil seiner Inszenierungen auf den noch jungen Film hatte – und das nicht nur in Deutschland. Eine Kinoauswertung hat der Film seltsamerweise ausschließlich in Japan erfahren, wo er zu Beginn der 20er-Jahre in einigen Kinos lief: Hierzulande wurde er abseits einiger Pressevorführungen nie gezeigt. Unter Federführung des Fimmuseums München konnte das Werk restauriert werden. Außerdem waren 1987 auf einer alten Zensurkarte die verschollenen Zwischentitel wieder aufgetaucht: Jahrelang glaubte man bei Sichtungen, der Film hätte komplett darauf verzichtet, und auch die japanische Nitro-Kopie war komplett ohne. Nun wurden diese auch grafisch stimmig wieder eingefügt. Auch wenn ich mich hier zu weit aus dem Fenster lehnen sollte: Streifen wie dieser zeigen, dass das deutsche Kino zu Beginn des 20. Jahrrhunderts eine Blüte erlebte, wie es sie in dieser Breite bis heute nicht wieder erreichte.
| Rating: $$$$
| Splatter:0/10
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| OT: Von morgens bis mitternachts
AT: Von morgens bis Mitternacht
Jahr: D 1920 R, B: Karlheinz Martin B: Herbert Juttke K: Carl Hoffmann D: Ernst Deutsch, Roma Bahn, Erna Morena, Eberhard Wrede
Quelle: DVD (Alive / Edition Filmmuseum 55) Dank fürs Rezi-Exemplar!
|  | Hans Heinrich v. Twardowski und Hugo Döblin kommen ins Geschäft
|  | Trautes Heim mit Pantoffeln und Meerschaumpfeife: Lotte Stein, Ernst Deutsch, Roma Bahn
|  | Ernst Deutsch bricht aus, ...
|  | ... was bald bemerkt wird
|  | Auch die Spelunke bringt selbst mit den Taschen voller Zaster nicht so recht Spaß
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